Posts tagged ‘Alice im Wunderland’

15. Januar 2015

Fussnoten VIII.: Zille

  • Zille

Auf einer Zille sind sie nach Osten aufgebrochen, über den Spree-Oder-Kanal…”

Zillen sind Flussbote mit wenig Tiefgang, grössere Zillen verfügen über einen hausähnlichen Aufbau mittschiffs. Ich stelle sie mir in etwa wie die Boote des Fährimanns in Basel über den Rhein vor.

Weitere Zillen und ihre Tragfähigkeit:

  • Große Arzzille (Arbzille) von 3000 bis 4000 Zentner
  • Kleine Arzzille von 2.000 Zentner
  • Passauer und Wachauer Kelheimer 3000 bis 3500 Zentner
  • Große Klotzzille von 2000 bis 3000 Zentner
  • Kleine Klotzzille von 1500 Zentner
  • Wachauer Gams von 2000 bis 2500 Zentner
  • Siebnerin in drei Größen:
    • von 800 bis 900 Zentner
    • von 500 bis 700 Zentner
    • von 400 bis 600 Zentner
  • Sechserin in drei Größen:
    • von 600 bis 700 Zentner
    • von 400 bis 700 Zentner
    • von 500 bis 700 Zentner
    • kleinste Gattung von 300 bis 600 Zentner
  • Seenursch in drei Größen:
    • von 500 bis 800 Zentner
    • von 400 bis 700 Zentner
    • Kleinste Gattung von 300 bis 600 Zentner
  • Oberbergerin von 600 bis 900 Zentner
  • Schwabenzille von 300 850 Zentner
  • Rosszille von 500 bis 800 Zentner
  • Gemeindestättzille von 500 bis 800 Zentner
  • Neunerzille von 300 bis 850 Zentner
  • Waidhofner oder Waldzille von 200 bis 500 Zentner
  • Hallasch von 300 bis 400 Zentner
  • Fischerzille von 300 bis 400 Zentner kleine Zillen
  • Nursch und die Waidzillen bis zu 180 Zentner

(nach Wikipedia)

  • Bad Karma

Fiktionales Städtchen an der Oder, zugleich Wortspiel: englich ausgesprochen ergibt sich schlechtes Karma, was für Margherita ja auch zutrifft – vor dem Krieg hatte sie da jüdische Kinder ermordet. (715f)

  • On The Good Ship Lollipop

Nicht nur, dass sich ihr Lied als ‚On The Good Ship Lollipop‘ entpuppt,, nein, sie macht schamlose Anstalten, es weniger zu singen als zu grunzen” (727)

„On the Good Ship Lollipop“ war die Erkennungsmelodie von Kinderstar Shirley Temple. Temple sang sie erstmals in dem Film Bright Eyes (1934).

In dem Lied reist das Schiff, das vielmehr ein Flugzeug ist, in ein Bonbonland. Die Szene, in der sie das Lied singt, spielt in einer Douglas DC-2.

  • Llandudno

Slothrop hier hat von Llandudno geträumt, wo er einmal auf Urlaub war, verregnet, mti der Tochter eines Schlepperkapitäns und Bitterbier im Bett” (731)
Llandudno ist ein Seebad in Wales; im victorianischen Zeitalter erlebte es seine Blütezeit. Ein Standbild von Lewis Carroll ist da zu sehen, Pynchon spricht allerdings von einer Statue des weissen Kaninchens. Carroll verbrachte hier seinen Urlaub mit der Familie Liddell, für deren Tochter Alice er sein berühmtes Werk “Alice im Wunderland” schrieb. Mit seiner Befähigung für Wortspiel, Logik und Fantasie schaffte er es, weite Leserkreise zu fesseln. Seine Werke, als sogenannte Nonsense-Literatur bezeichnet, sind bis heute populär geblieben und haben nicht nur die Kinderliteratur, sondern ebenso Schriftsteller wie James Joyce, die Surrealisten wie André Breton und den Maler und Bildhauer Max Ernst oder den Kognitionswissenschaftler Douglas R. Hofstadter beeinflusst. Bekannt wurde Carroll auch als Fotograf: Wie Julia Margaret Cameron und Oscar Gustave Rejlander betrieb er bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Fotografie als Kunst.

  • Albedo

…Strandgut von anderen Bühnen des Krieges,…Beobachter von fremden Galaxien, Episoden aus Rauch, Augenblicke von hoher Albedo…” (736)

Die Albedo (lateinisch albedo „Weißheit“; v. lat. albus „weiß“) ist ein Maß für das Rückstrahlvermögen von diffus reflektierenden, also nicht selbst leuchtenden Oberflächen. Sie wird als dimensionslose Zahl angegeben und entspricht einer Prozentangabe (eine Albedo von 0,9 entspricht 90% Rückstrahlung). Vor allem in der Meteorologie ist sie von Bedeutung, da sie Aussagen darüber ermöglicht, wie stark sich Luft über verschiedenen Oberflächen erwärmt. (Wikipedia)

  • Rossokowsky

…der Ort (Peenemünde) selbst öde und verbrannt, wie Rossokowsky und die weissrussische Armee ihn im Frühjahr hinterlassen haben.” (781)

Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski (russisch Константин Константинович Рокоссовский, oder polnisch Konstanty Rokossowski; * 21. Dezember 1896 in Warschau; † 3. August 1968 in Moskau) war ein sowjetischer Offizier und Verteidigungsminister der Volksrepublik Polen. Er war Marschall der Sowjetunion und Marschall von Polen. (Interessant der Schreibfehler Jelineks im Namen)

Machte als getreuer Bolschewik in der Armee Karriere, hatte entscheidenden Anteil am Zurückdrängen der Deutschen im 2. Weltkrieg, verhörte Paulus nach dem Fall Stalingrads und traf schliesslich in Wismar mit Montgomery zusammen. “Ach”, seufzte er einmal, “in Russland nennen sie mich einen Polen und in Polen einen Russen…”

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2. Oktober 2014

Katje Borgesius

Sie ist eine Holländerin, die das ganze Buch über auftaucht.

Wir begegenen ihr zum ersten Mal im Gebäude der Mannschaft von Pirate Prentice, kurz nachdem bei der alten Abtei bei Ick Regis über den Klippen der englischen Südküste, wo ein Schwung irrer Wissenschaftler (es ist ein altes Irrenhaus) dem Kommando des alten, 1940 reaktivierten Brigadiers Pudding als “Weisse Visitation” für die parapsychologische Kriegsführung “forscht” (151),

Pointsman und Roger Mexico zusammen dem winterlichen Ufer entlanggehen und sich kontrovers über Slothorp als Versuchskaninchen und die mögliche Umkehrung von Ursache und Wirkung (wie die V2 zuerst einschlägt und man erst dann ihren Fluglärm hört, könnte also die Wirkung vor die Ursache zu liegen kommen?) unterhalten. Das Gebäude befindet sich in Chelsea; wie wir wissen, kultivieren auf der Dachterrasse Osbie Feel seine Arzneipflanzen und Prentice seine Bananen.

Katje ist hochgewachsen, breitschultrig und blond. Zu Osbie Feels Verwunderung trägt sie keine Kloggen sondern hochhackige Pumps, auch sind Make-Up, Rouge und ausgezupfte Augenbrauen zu erkennen. Osbie Feel – der von manchen als die Verkörperung von Pynchon in seinem eigenen Buch gehalten wird – beschäftigt sich gerade mit Pilzen (einer milderen Abart von Amanita phalloides, dem Knollenblätterpilz).

Zunächst kommen ihr Erinnerungen an den Hauptmann Blicero, der sie und ihren “Bruder” (im Schicksal) einst in Holland – Blicero war dort Kommandant einer V2-Batterie, die östlich von Den Haag und nahe Wassenaar auf einer ehemaligen Pferderennbahn stationiert war – zwischen mancherlei Sexspielen wie Hänsel und Gretel im Käfig gehalten hatte (154).

Der Hauptmann Blicero, homosexuelle “Reflexe” und Rilke, besonders seine Zehnte Elegie, liebend, wundert sich, dass seine Stellung noch nie von den englischen Spitfires getroffen wurde. Vielleicht ist Katje ja doch eine britische Agentin, die ihr eigenes Leben retten will? Aber sie ist doch Parteimitglied, hat mehrere jüdische Familien verraten und gilt in der Kantine in Scheveningen, wo sie arbeitet(e) als äusserst tüchtig? Nein, entscheidet er, es ist um ihres Spiels willen, letztlich muss er von den Kindern in den Ofen gestossen werden, damit die Hexe in seinem Körper verbrennt, und nicht im Bombenhagel umkommt.

(Wie findet ihr die Konstellation? Raketen gegen Bomben. Erinnert euch das an den jüngsten Gaza-Konflikt? Anm. T.K.)

Aber Katje scheidet schliesslich aus dem Spiel aus. Sie geht. Es wird uns durch Gottfried berichtet: “Er sah sie nicht zum ersten Mal davonschleichen, und es gibt ja auch Gerüchte, dass sie zum Widerstand gehört oder in einen Stukaflieger verliebt ist, den sie aus Scheveningen kennt. Aber sie scheint auch Hauptmann Blicero zu lieben?…” (167)

Unter abenteuerlichen Umständen flieht sie nach England und (zu ihrem Führungsoffizier) Prentice. “Aber wo wollen Sie jetzt hin?” “Ich weiss es nicht. Fällt Ihnen nicht ein guter Platz ein?”

Die ‚Weisse Visitation’”, schlug Pirat vor.

‚Weisse Visitation‘ klingt gut”, sagte sie, und machte einen Schritt ins Leere hinein… (173)

Pirat hat was zum Grübeln, daran liegt’s. Ständig muss er daran denken, wie auffällig Katje jetzt jede Erwähnung des Hauses im Wald vermeidet. (174) “Scheiss drauf’” mag sie sagen, und aus welchen Gründen sie aus dem Spiel ausgeschieden ist, werden wir nie erfahren.

Lang und breit wird nun geschildert, wie Frans Van der Groovs auf Mauritius mit einer alten Hakenbüchse (Haakbus) die einheimischen Dronten dezimiert, bis sie schliesslich im Jahre 1681 ausgerottet sind und ganz von der Erde verschwinden. Ob das dem guten Frans klar war? Frans wird als Vorfahre von Katje geschildert (und wenn er nur als Holländer Vorfahre wäre). (176)

In der ‚Weissen Visitation‘ schleppt Webley Silvernail den einzigen Filmprojektor durch die Korridore, um dem Kraken Grigori einen stummen Streifen vorzuführen, der Katje zeigt. “Lautlos folgt ihr die Kamera, während sie langbeinig und planvoll ziellos durch die Räume schlendert, die breiten Schultern, die an eine Halbwüchsige denken lassen, auswärts gereckt, das blonde Haar zu einer modischen Hochfrisur getürmt, die, so gar nicht niederländisch-bieder, von einem alten, blinden Silberdiadem gehalten wird…” (184)

2. Une Perm‘ au Casino Hermann Goering

Am Mittelmeerstrand nahe Antibes rettet Slothorp Katje aus den Fängen eines Kraken (es ist der von Dr.Porkjewitsch betreute Grigori) . (296f)

Slothorp hat auch prompt das Gefühl, dass das ganze Bruhaha mit dem Kraken kein Zufall war.

Katje sagt: “Vielleicht war’s uns sogar vorherbestimmt, dass wir uns trafen…” (301)

Um Mitternacht in Katjes Zimmer 306 trägt sie dann einen pelzverbrämten, reich mit Pailletten bestickten weissen Mantel mit wattierten Schultern und fransigen weissen Straussenfedern an Hals und Ärmeln.

Als sie ficken, schlagen “die gestreckten Oktaeder ihrer Gagatohrringe gegen ihre Wangen…” (313)

Am Morgen werden S. sämtliche Sachen (Kleider) geklaut. In der Verfolgung des Diebes springt S. auf einen Baum, klettert hoch zum Wipfel, welcher abbricht und mitsamt S. mitten in eine krockettspielende Gesellschaft (Anspielung auf Alice im Wunderland) fällt. Katje bleibt zurück.

3. In der Zone

Viel später taucht Katje in dem phantasmagorischen Museum (ab 820) wieder auf, sie fällt Prentice in die Arme – oder er ihr – und sie tanzen.