Posts tagged ‘Katje Borgesius’

15. Februar 2017

Entropie

Roger Mexico fȁhrt in Norddeutschland über die Autobahn. Gleichmütig rattern die Dehnungsfugen des Betons unter seinem Horch. Der “Horch” hiess spȁter “DKW”, ich kannte den DKW noch, heut gibt es ihn auch nicht mehr. Man hȁtte vielleicht ein Auto anschaffen sollen, das es heute nicht mehr gibt, keinen Vokswagen, Fiat oder Peugeot….

Roger und seine Freundin aus Kriegstagen, Jessica, waren mir an dem ganzen Buch die liebsten, wohl wegen Roger und Jessica Rabbit, oder weil sie ein Liebespaar sind?

Wȁhrend der Fahrt imaginiert Roger Mexico seine Feindschaft mit Pointsman, Witehall, Mossmoonn, Geza Rozsavölgyi und seine Sekretȁrin, eine Menge alter Bekannter und schliesslich, wȁhrend er in Cuxhaven einfȁhrt, Jessicas niedliche Ponyfrisur.

Die Geschichte von Byron, der Birne. Sie ist unsterblich und wird deshalb verfolgt, rettet sich aber durch mancherlei Gefahren. Mir fiel dabei Andersens Mȁrchen vom Zinnsoldaten ein…

Katje Borgesius, die verschwindende goldene Hure, und Hauptmann Enzian, der dunkle Herero begegnen sich wieder. Beide sind sie dereinst von Blicero auf seine Art geliebt worden. Davon sprechen sie zögernd, und auch von Slothrop, auf den sie warten. Katje: “Slothrop und ich…Es ist mir alles so fern gerückt. Ich weiss nicht einmal wirklich, wozu se mich hierhergeschickt haben. Ich weiss nicht mehr, wer Slothrop übrhaupt war. Das Licht nimmt ab. Ich kann nichts mehr sehen. Alles zieht sich zurück von mir…”

Enzian: “Du, arme Katje. Deine Geschichte ist die traurigste von allen.”

Wie Slothrop wird auch Thanatz im Sturm von Bord der Anubis gespült. Ein polnischer Leichenbestatter in einem Ruderboot rettet Thanatz. Dieser Pole ist drauf aus, vom Blitz getroffen zu werden, trȁgt einen metallenen Anzug samt Helm mit diversen Antennen. Wieder spielt Elektrizitȁt eine wichtige verborgene Rolle. Die Odyssee des Thanatz beginnt, er erwȁhnt Bicero (“Er weiss, dass Blicero existiert”), die Lüneburger Heide, Bianca und Gottfried, genauso könnte aber auch vom Schwarzkommando, von der Erdschweinhöhle, von Katje oder von Greta Erdmann berichtet werden.

“Manche glauben, dass sich Fragmente von Slothrop zu selbstȁndigen Personen ausgewachsen haben, die ein eigenes, unabhȁngiges Leben führen” (1164)

Glauben wir das auch? Wie auch immer, gegen Ende des Buches taucht das gesamte Pandȁmonium Pychnons noch einmal auf, einer gewaltigen, hauptsȁchlich in Norddeutschland sich ereignenden Exposition oder Ausbreitung gleich, alle deutschen Orte kommen noch einmal vor, Cuxhaven, die Lüneburger Heide, Peenemünde, Hamburg, Berlin, Greifswald, Nordhausen…. die meisten Figuren tauchen wie aus dem Nichts noch einmal auf, bevor ganz am Ende die 0000-Rakete mit dem sterbenden Jungen Gottfried an Bord, von Blicero zum letzten und symbolischsten Male gestartet wird…

Mir eindrucksvoll: die nȁchtliche Begegnung von Tschitscherin und Enzian nahe einer Brücke, ohne dass die Brüder sich erkennen.

27. Januar 2017

Museum der Liebe

“Es scheint ein sehr verzweigtes Museum zu sein…” Von überall kommen sie zusammen, alle meditieren sie die Vergangenheit, betrachen Bücher, Bilder und Ausstellungsstücke in diesem irdisch nicht lokalisierbaren Ort. Das Museum wechselt auch hȁufig seine Gestalt, ist bald Tempel, bald Schuppen, bald Büro, bald Keller. Einige der Sȁle sind auch nur auf eigene Gefahr zu betreten. Überall stehen Wȁchter. Der “Ort” ist eher phantastisch; im Süsswarencafé – Cafés gehören mal nun zu Museen –  gibt es Kuchenwagen, in die man hineingehn kann, und innen: zahlreiche klebrige Regale! Im anderen Café kann man den Sonnenuntergang betrachten, hier sind die Sacharomanen am falschen Platz! Wir begegen dem eben erst angekommenen Pirate Prentice wieder, der rollt einen klebrigen Faden von seiner Toffeekugel ab – oder auf? – und wir denken an Ariadne… Seinen Faden aufrollend trifft Geoffrey Prentice alte Bekannte – wie Sir Stephen Dodson-Truck, den Springer Gerhardt von Göll – aber auch neue wie Pater Rapier, Sammy Hilbert-Spaess, oder den fettigen Jeremiah (“Gnadenreich”) Evans mit seiner Pompadourfrisur. Der um alle Lieben seines Lebens weinende Prentice trifft hier auch Katje Borgesius, der wir in Holland und Deutschland begegneten, die ihm in London zugeführt wurde, wieder. Ach…könnten wir die Welt umarmen!

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8. Oktober 2014

Songs

1 Jenseits der Null

ic heb u liever dan ên everswîn

al waert van finen goude ghewracht

(ich hab auch lieber dann ein eberschwein

allwert von feinem gold gebracht – übers. Buh – mittelniederländisch)

(175)

Wo steckt denn meine süsse Lola, hat Kurven wie ’ne Flasche Cola? (208)

In dulci jubilo…

(Makkaronisches von Heinrich Suso) (209, 217ff)

Bei der Postverwaltung überlegt man schon, eine Liste der unerwünschten Lieder aufzustellen…” (214)

In Knightsbridge wimmelt es von Menschen, im Radio dröhnen Weihnachtslieder, die U-Bahn ist ein Schlachtfeld, nur Pointsman ist ganz allein” (270) („And the crowds they swarm in Knightsbridge, and the wireless carols drone, and the Underground’s a mob-scene, but Pointsman’s all alone“ Sung to the tune of the Kinks‘ „A Well-Respected Man“)

…um irgendein Stück von Ernesto Lecuona zu hören, wahrscheinlich ‚Siboney’…” (272) (Maudie Chilkes hört es, nachdem sie Pointsamn in einer Abstellkammer einen Blowjob gab)

…er liebt es, die Basspartie von Diadem zu üben…” (273) (Pointsmann hat ne wuderbare Gesangsstimme. “Diadem” = aus: All Hail the Power of Jesus‘ Name, James Ellor)

Gwenhidwy summt ‚Aberystwyth’” (275) (komponiert von Joseph Parry, Aberystwyth ist eine Stadt in Wales) (es ist Weihnachtstag)

Oh, lasst euch nicht holen,

Es kommt, wenn sie’s wollen,

Doch da ist etwas, was ihr nicht seht:

Es ist gross und garstig und ist euch ganz nah,

Es wetzt seine Krallen und will euch ans Haar!

Der Gemüsemann sieht einen Regenbogen,

Der Tonnenmann hat sich am Schlips gezogen,

Und alles stimmt ein in den alten Refrain

Mit ’nem Dropsgesicht hoch am Himmel dro-hoben!

Mit ’nem Dropsgesicht hoch am Himmel dro-hoben,

Und ’nem alten Traum mit nicht mehr viel dran,

Kommt das Tortenstück schon auf euch zugeflogen,

Und unser Stück fängt auch gleich an!

Oh, der Tommy schläft heute nacht draussen im Schnee,

Und die Jerries, die lernen das Fliegen,

Und wir fliegen zum Mond, der am Himmel hoch thront,

In dem Plastikhaus, das wir bestiegen…” (usw.)

(Im Theater gibts “Hänsel und Gretel”, als jedoch eine Rakete nahebei niedergeht, tritt Gretel unplanmässig an die Rampe und singt, und alle – selbst Roger Mexico – singen mit)(281)

Höret die Engel, sie künden uns laut:

Mrs. Simpson hat unsern König geklaut…”

(Kinderlied in Anspielung auf Edward und Wallis Simpson) (285)

2 Une Perm‘ au Casino Hermann Goering

Bloat und Tantivy singen Foxtrott:

Bloat: Der Engländer ist äusserst schüchtern,

Als Casanova ist er nichts wert.

Ist irgendwo eine Dame zu kegeln,

Wird meistens ein Yankee begehrt –

Tantivy: Dem Engländer nämlich mangelt seit je

Die Verwegenheit, die transatlantische,

Die für Frauen so schrecklich romantische,

Was ich, offen gesagt, nicht versteh…

Bloat: Der vielweibernde Yank hält sich Mädchen im Hundert

Der englische Gent hält sich Haus-be-sitz…

Tantivy: Wobei er den Yankee klammheimlich bewundert

Als ’ne Art von erotischem Clau-se-witz…

Beide: Im Bett hätt keine mehr zu klagen,

Gäb’s Ami-know-how mit Tommy-Betragen.

Die Süssen würden nie mehr nüchtern,

Obwohl wir wissen – der Engländer ist schüchtern.

Slothorp darauf: J’ai deux amis……

Slothorp singt die Ballade von Tantivy Mucker-Maffick, zwischen den Strophen wird er von Katja um Mitternacht in ihr Zimmer 306 eingeladen (304):

Die Ballade von Tantivy Mucker-Maffick:

Beim Itaker-Gin, da schmeisst es dich hin,

Vom französischen Bier wirst du septisch.

Bourbon in Spanien, man konnt’s fast ahnien,

Macht noch heiliger als epileptisch.

Es gibt Fusel, mit dem fährt ein U-Boot bequem

Über Berge und alle Gerölle –

Reines Gift, das die Knochen im Leib dir lässt kochen,

Gewürzt mit den Hämmern der Hölle!

Refrain:

Tantivy säuft sich rund um die Welt,

Und geht sie ihm auch in die Binsen,

Wenn er jemals nein sagte zum Alkohol,

Fiel ich tot um mit schaurigem Grinsen!

Ihm wuchsen schon Kiemen in Meeren von Grog,

Sein Durst war so gross wie ein Wal.

Er sang Shanties in Moll, wenn nicht sternhagelvoll,

Und Schlagseite schien ihm normal.

Ob im Nebel von London, in der Hitze der Wüste,

Im Gletschereis über Zermatt –

Jeder irdische Schrecken konnte hinten ihn lecken,

Weil er immer geladen hat!

Refrain:

Ja, Tantivy säuft sich rund um die Welt, etc.

Als Slothorp jedoch nachher Tantivy über die Ereignisse des Tages ausfragen will, summt dieser: “Am Meer kann man Sachen machen, die wär’n in der Stadt mehr zum Lachen…” (Komponist: Mark Sheridan)

In Katjes Zimmer singt Slothorp dann:

Zu früh, um zu fragen (Foxtrott)

Es ist viel zu früh,

Noch vor den ersten Küssen,

Noch ehe uns der Mond

Belauscht hat in den Kissen,

In einsamen Nachtstunden,

Nachdem wir uns gefunden…

Noch viel zu früh, zu fragen,

Ob das, was uns verstört,

Mit atemlosem Zagen

Denn mehr ist als ein Flirt,

Der heute uns bindet

Und morgen entschwindet…

Wer enträtselt die Liebe,

Wer ahnt ihr Geheimnis?

Wir müssen’s erleiden,

Ohne selbst zu entscheiden…

Drum weisst du es nicht,

Ob heute der Tag ist, da alles beginnt,

Oder das Licht

Im Schatten der Nacht uns zerrinnt.

Darling, du kannst es nicht sagen,

Denn es ist zu früh, um zu fragen.

Und im Casinosaal, der des Morgens ganz verlassen daliegt:

Oh, die Welt dort drüben, ’s ist

Schwer zu kapieren!

Wie Träume, die sich im Kopf schon verliern!

Du tanzt wie ein Narr in verbotenen Sälen

Und wartest auf Lichter, die sie erhellen –

Wer-warnte-dich: das zu riskieren?

Wer-warnte-dich: vor einem Käfig?

Sobald’s nicht mehr hinhaut mit deinem Glück,

Kannst du doch immer wieder zurück, denn:

Kein Lebewohl gilt auf ewig!

“Mit einem fröhlichen Song durch den Boa-debulomg, als sei nichts gewesen…”
As I walk along the Bois de Boulogne
With an independent air,
You can hear the girls declare,

„There goes a millionaire!“

You can hear them sigh and wish to die,

You can see them wink the other eye

At the man who broke the bank at Monte Carlo.  (Fred Gilbert) (323)

Tantivy und auch Bloat sind inzwischen verschwunden. Um Dodson-Truck zu “testen”, veranstaltet Slothorp das Prince-Spiel, welches in allgemeines Besäufnis ausartet. Bald singen alle ein “Unanständiges Lied”:
Unanständiges Lied
Hab gestern nacht gegeigt die Queen von Trans-sylvanien,
Heut wird gefegt beim Queenie von Burgund –
Ich komme aus dem Lande Schizophrenien,
Doch Mrs. Queenie pflegt mich schon gesund…
Zum Frühstück mit Schampus und Kaviar,
Zum Tee mit Chateaubriand und einem Fizz,
Zu rauchen gibt’s Havannas, völlig klar,
Ich lach, als wär die Welt ein fauler Witz!
Drum nennt mich, wie ihr wollt, aber macht Platz dem Steiger,
Der bei der süssen Queen von Trans auftrat als Geiger!

“Ein Waliser mit Akkordeon steht auf einem Tisch und spielt ‚Lady of Spain‘ in C-Dur”
Sir Stephen (Dodson-Truck) vertraut wenig später Tyrone ein furchtbares Geheimnis an:
Der Penis, den er für seinen eigenen hielt
Tenorsolo: ’s war mal ’n Penis, den hielt er für seinen,
Nannte ihn seinen fröhlichen Kleinen…
Mit ’ner dicken, roten Spitze
Ragt‘ er aus des Bettes Hitze,
Wo die Girlies spielen Telefon –
Bass:        Doch sie kamen durch das Loch in der Nacht,
und sie haben ihn zum Verschwinden gebracht
(schwin-den ge-bracht)
Tenor:    Jetzt muss er ständig weinen
Um den armen, armen Kleinen
Den er einst hielt für-den-seinen!
(für-den-seiiiinen!)
“Die Überleitungsmusik, die jetzt erklingt, fröhliche Xylophone, basiert auf alten Schlagern, die die Ereignisse mit sanfter Ironie kommentieren, ‚School Days, Schooll Days‘ etwa oder ‚Come Josephine, in My Flying Machine‘ oder gar ‚There’ll be a Hot Time in the Old Town Tonite’” (353)

Der nächste Song, den die Versuchstiere der “Weissen Visitation” singen, heisst “Pawlowien (Beguine). Ich las zunächst “PawloNien”, weil ich den Baum “Paulonia” kenne. Ingeborg Bachmann und Max Frisch lagen in seinem Schatten, eine besondere Rolle aber spielt der Baum in der Geschichte von ihr und Paul Celan. In beiden ihrer Werke taucht er auf, als ob die beiden ein (Liebes)Gespräch hielten. (Siehe hier)

Pawlowien (Beguine)
Frühling war’s in Pawlo-o-wi-en,
Ich irrte durchs Labyrinth,
Lysol durchduftete die Luft,
Hier drinnen weht kein Wind…
Dann fand ich dich, verirrt wie mich,
Du schienst so furchtbar jung,
Wir tauschten nasengrüsse aus –
Mein Herz tat einen Sprung!

Gemeinsam fanden wir hinaus
Und teilten uns die Belohnungen
Wie einen Abend in dem kleinen Café,
Vor dem Abtransport in unsere Wohnungen…
Und schon ist es Herbst in Pawlo-o-wi-en,
Und ich bin wieder allein…
Meine Einsamkeit misst in Millivolt
Durch Rückenmark und Gebein.
Und ich denke an unser kleines Café
Und weiss deinen Namen nicht –
Denn sie lassen dir nichts in Pawlo-o-wi-en
Als ein Labyrinth ohne Licht…

Brigadier Pudding aber schleicht zu seiner Domina und summt dabei:
Wasch mich in den Wassern,
darin du waschest deine schmutzige Tochter,
Und ich werde weisser sein als die weisse Farbe an der Wand….

O, O, O,
To-tus flore-o!
Iam amore virginali
Totus ardeo…. (Carl Orff) (375)
Es geht auf die Party von Raoul de la Perlimpinpin (384):

“Mein Gesicht glänzt wie ein Mikrophon,
Auch mein Haar gefällt mir sehr,
Bin lieblich wie Vanilleeis,
Bin Mis-ter Debo-nair…” (385) (Tyrone zieht sich fein an)

Ein abgehärmter Troubadour:

Julia (Foxtrott)
Ju-lia,
Would you think me pe-culiar,
If I should fool ya,
In-to givin‘ me – just-a-little-kiss?
Jool-yaaahh,
No one else could love you tru-lier,
How I’d worship and bejewel ya-
If you’d on-ly give-me-just-a-little-kiss!
Ahh Jool-yaaahhh –
My poor heart grows un-ru-lier,
No one oolier or droolier,
Could I be longing for –
What’s more –
Ju-lia
I would shout hallelujah,
To have my Jool-yahh,
In-my-arms forevermore.

Slothorp ist nun in Zürich. Vor seinem Hotel “Nimbus” aber sieht er beim Heimkommen einen Beschatter stehen: “Zunnggg! Diddilung, diddilat-ta-ta-ta, ya-ta-ta-ta, im Allegro der Wilhelm-Tell-Ouvertüre zurück in den Schatten…”

Drei Songs, die in dem Buch NICHT gesungen werden:

The Lakes of Ponchartrain. Tyrone is a true Yankee and has nothing to do with New Orleans
I am sailing. Tyron flies!
True colors. Why not? There’ve been enough colors in the Casino…..

Den Song “Irre auf Urlaub” (408) schreib ich hier net auf. Es gibt keine Irren in Zürich. Frag Lucien Favre.

3 In der Zone

Slothrop im Zug nach Nordhausen, hört den Song (es ist ein Displaced-Persons-Lied):

Hörst du den Zug heut abend
Pfeifen seinen schrillen Schrei,
Leg dich auf dein Bretterlaken,
Schlaf, und lass den Zug vorbei.

Züge riefen jede Nacht uns,
Gelaufen tausend Meilen schon,
Unterwegs durch leere Städte,
Züge ohne Endstation.

Keiner steuert die Maschine,
Keiner, der die Fahrt bewacht,
Züge brauchen keine Menschen,
Züge sind ein Stück der Nacht.

Bahnstationen liegen einsam,
Wegerechte brach und kalt,
Was wir verlassen, erben Züge,
Züge fahren, wir werden alt.

Lass rufen sie wie arme Seelen,
Lass sie schreien in den Wind –
Züge sind für Nacht und Regen,
Unser Gesang und Sünden sind. (445)

Immer noch auf dem Dach des Eisembahnwaggons. Phantasien von schwarzen Raketentruppen:

Hey, guten Morgen, Kumpel, jetzt ist Schluss
Mit Gerumpel, jetzt ist Schluss
Mit Krieg Nummer zwo-o-o-o!
Der Kampf ist vorbei, die Welt ist wie neu,
Die Sonne sagt wieder hallo!
Du da, Hermann, mein German, hör schon auf mit dem Jammern,
Auch für dich geht es jetzt wieder nach Haus!
Der böse Wolf ist fort vom Raketenort
Drum tanzt auf den Tischen, wie, Mickey-Mouse –
Und du sei ’n braves Mädchen, Gretchen!)
Tanzt auf den Tischen, wie, Mickey-Mouse! (453)

In Nordhausen hört Slothorp als erstes ein Lied, gesungen von Geli Tripping. Sie begleitet sich auf einer Balalaika, die einem sowjetischen Geheimdienst-Offizier namens Tschitscherin gehört:

Die Liebe lässt dich nie,
Und flieht sie einmal doch,
Hält dich Erinnerungen
Gebannt in ihrem Joch.

Du bist von mir gegangen,
Die Rose nur blieb hier,
Gepresst in meinem Stundenbuch –
Die Rose blieb bei mir…

Nun ist ein Jahr verstrichen,
Es kam ein neuer Traum,
Und doch bringt deine Rose
Zurück den Lindenbaum…

Denn Liebe läst dich nie,
Nicht, wenn sie ehrlich war –
Sie kehrt zurück, bei Tag, bei Nacht,
Frisch wie im alten Jahr –

Zärtlich und grün, treu bis ans Grab,
Wie unser Lindenbaum,
Von dem für deine Rose
Ich einst ein Blatt dir gab…

(Love never goes away,
Never completely dies,
Always some souvenir
Takes us by sad surprise.

You went away from me,
One rose was left behind —
pressed in my Book of Hours,
That is the rose I find …

Though it’s another year,
though it’s another me,
under the rose is a drying tear,
Under my linden tree ….

Love never goes away,
Not if it’s really true,
It can return, by night, by day,
Tender and green and new
As the leaves from a linden tree, love,
. that I left with you)

(eine von diesen traurigen, pariserisch klingenden Melodien im Dreivierteltakt) (454)

Die Raketen-Limericks:

Da gab’s mal was namens V2,
Das sollte wohin noch im Mai.
Man drückte ’nen Knopf,
Ihr stieg’s in den Kopf –
Und schon hatte man Stücker drei.

(Refrain) Ja, ja, ja!
In Preussen küsst keiner gern Pussys!
Die Katzen sind mager hier,
Nur Abfall gibt’s reichlich hier,
Drum walz mich noch einmal rum, Russki!

Ein Lieutenant Van Davis aus Wayne
Liess mit einer Rakete sich ein.
Es ist netter, sprach er,
Als normaler Verkehr,
Und nun lasst uns bitte allein!

’nen General gabs mal namens Pope,
Der liebte ein Oszilloskop.
’s war die zwinkernde Röhre,
Die ihn derart betörte,
Dass man ihn seiner Ämter enthob.

Ein Gefreiter, mit fröhlicher Miene,
Bestieg eine Walter-Turbine.
Das ist die wahre Minne,
Wenn ich bin bei der drinne,
Sagt er, und sie summt wie ’ne Biene.

Einem Techniker Urban aus Dallas
War Wolframdraht sein ein und alles.
Er knackte Trioden
Sich zwischen den Hoden,
Doch plötzlich, da tat einen Knall es.

Intermezzo:
Jeder kleine Nazi hat sein kleines Schatzi
Auf dem Mittelwerk-Express!
All die lustigen Faschisten hörst du bärtezwirbelnd flüstern:
Wo geht’s hin? Welche Adress?
Am Ende der Schienen wartet ein Land,
Wo weder Knappheit noch Steuern bekannt,
Mit goldenen Zeiten für Rosie und Rex,
Auf dem Mittelwerk-Express!

Es war mal ein Kerl namens Slattery
Verliebt in ’ne Kurskreisel-Batterie,
Doch die saure Substanz
Verätzte ihm seinen Schwanz
Worauf er vernehmlich “Nie wieder!” schrie.

(die arme Elfriede Jelinek muss Limericks übersetzen)

Ja, ja, ja,
In Preussen küsst keiner gern Pussys, usw.

Ein Diplomingenieur namens Merker,
Der vögelte einen Verstärker,
Doch bei jedem Kurzschluss
Ging redundant ihm ein Furz los –
Das verdross diesen Herrn namens Merker.

Da war mal ein Kerl namens Hektor,
Der triebs mit nem Meiller-Erektor-
Der zu viel Druck drauf hatte
Und ihm quetschte die Latte –
Seitdem ist hydraulisch verschreckt er. (487)

OH…da, sind…
Nazis an der Mauer,
Faschisten in Tapeten,
liegen Japse auf der Lauer,
Wolln dich in die Eier treten.
Ist dieser Krieg zu Ende,
Ist es noch nicht vorbei,
Dann nimmst du dir die Russkis vor
Und ziehst in Nummer drei… (492)

und drei Limericks werden nachher noch gesungen, wenn Slothrop in einem Ballon vor Major Marvy nach Berlin flieht:

Es gab mal einen Herrn Schroeder,
Der sodomierte so gern Voltmeter.
Doch einmal im Mai
Blieb er stecken dabei –
Später wurde er Schmierölvertreter.

Da war mal ein Typ vom Äquator,
Der trieb’s mit ’nem LOX-Generator.
Seine Eier plus Pint
Vereisten geschwind –
Gerade das kam ihm so delikat vor.

Da war mal ein Kerl namens Ritter,
Der schlief mit ’nem Leitstrahl-Transmitter.
Davon schrumpfte sein Schwanz
und fiel schliesslich ab ganz –
Das machte ihn manchmal recht bitter.

Es gab mal ’nen Mann bei dem klickte
Es nur, wenn er Sprengkörper fickte,
Seine Frau wollte fort
Von Stelleund Ort
Weil er sie gar nie mehr beglückte.

Ja, ja, ja, ja!
In Preussen küsst keiner gern Pussys – (524)

Ein Lied des Schwarzkommandos:

Scharf auf Selbstmord

Tscha, was ich esse, schmeckt mir schal,
Der Boogie-Woogie ist mir ganz egal,
Denn ich bin scharf auf Selbstmord!

Auch vor Bing Crosby lasst mir meine Ruh,
Vergesst sein blödes “bu-bu-bu-boo”,
Ich bin nur scharf auf Selbstmord!

Die Lebensmittelmarken könnt ihr sparen,
Und auch die Muttis, die mal Baby-Vamps waren,
Denn ich bin scharf auf Selbstmord!

Baseball hab ich genauso satt,
Scheiss auf das Land, scheiss auf die Stadt,
Denn ich steh nur auf Selbstmord…. (501)

Aber jetzt sind Tschitscherin und Dzaqyp in der kasachischen Steppe beim Ajtys – einem traditionellen Gesangswettbewerb:
Ein Mädchen und ein Junge singen abwechselnd, zuerst hitzig, dann lächelnd. Was der Junge sang, wissen wir nicht. Das Mädchen:

Du hast zu viel getrunken vpm Qumys,
Mir scheint, ich höre die Worte des Qumys,
Denn wo warst du in der Nacht als mein Bruder
Gesucht hat seinen gestohlenen Qumys?

Das Mädchen:

Hab ich dich singen hören von Hochzeit?
Hier schon, hier war sie, die Hochzeit –
Diese hitzige Runde aus Liedern
War lärmend und laut wie nur je eine Hochzeit…

Aber dann singt der Aqyn vom Kirgisischen Licht!

Das Lied des Aqyn

Ich bin gekommen vom Rand der Welt,
Ich bin gekommen aus den Lungen des Winds,
Ich habe etwas gesehen, so erhaben,
Dass selbst Dzambul es nicht könnte singen.
Furcht ist gesät in mein Herz, scharf genug,
Zu zerschneiden den härtesten Stein.

In alten Legenden wird es erzählt,
Aus einer Zeit, noch älter als Qorqyt,
Der die erste Qobyz aus dem Walde von Šyrghaj
Uns brachte und das erste der Lieder –
Es wird uns erzählt, dass ein Land in der Ferne
Ist der Ort des Kirgisischen Lichts….. (noch 7 Strophen mehr, (561)

“’Ich hab’s‘, sagt Tschitscherin. ‚Lass uns reiten, Genosse’”

Dann im zerstörten Berlin. Seaman Bodin vom US-Zerstörer John E. Badass singt in der Chicago-Bar:

Des Dopers Traum

Mir träumte heut nacht, ich steckte tief drin
In ’ner blubbernden Wasserpfeife,
Aus der ganz plötzlich ein arabischer Dschinn
Rausquoll und sich aufblies, ganz leise.
“Ich bin hier”, so zwinkerte er, “dir zu gehorchen”,
Während ich nach Worten noch suchte.
“Is ja prima”, rief ich endlich, “meine einzige Sorge
Ist der Nachschub an Stoff, der verfluchte.”
Mit ’nem fröhlichen Grinsen packte er meine Hand,
Und wir flogen über den Himmel so rasch,
Dass nach einer Sekunde, in einem anderen Land,
ich stand vor einem Berg, ganz aus Hasch!
Die Bäume dort blühten von purpurnen Pillen,
Und der Romilar-Strom floss vorbei,
Heilige Pilze gab’s, den Hunger zu stillen,
Und im Schnee wuchs das Gras noch wie Heu.
Schöne Mädchen brachten Körbe voll Kokain,
Und Morning Glory, gewoben ins Haar,
Wir tanzten im Zeitlupentempo dahin,
Bis Mary Jane mich rief zum Tea an der Bar.
‚N ganzen Pott voller Pot bekam ich, weiss Gott!
Aus blühendem Panama-Red,
Dazu noch als Nachtisch Muskatnuss-Kompott,
Und ne Indianersquaw namens Peyote fürs Bett.
Ihr wollt ich Treue gern schwören,
Und ich meinte es ehrlich dabei,
Als plötzlich aus meiner Pfeife der Dschinn
Sich entpuppt als Bulle von der Rauschgiftpolizei.
Er hat mich gekascht, so wie ich da lag,
Jetzt sitz ich im Knast, wo ich immer stecke,
Der Erinnerung an mein Traumland der Drogen,
Und ich frag‘ mich, ob ich’s je wiederentdecke…

Frau Gnahb gröhlt ein blutdürstiges Shanty

Die Königin bin ich der Ostsee-Piraten……

Ein Schwein ist ein fröhlicher Kumpel,

Ob Eber, ob Frischling, ob Sau.

Ein Schwein ist ein Freund, der’s gut mit dir meint,

der zu dir hȁlt im schlimmsten Verhau.

Ob sie dich ȁchten, verfolgen, betrügen,

Ob du gegen Tory und Whig stehst allein,

Ob dich Genossen versetzen, Genossinnen hetzen,

Es bleibt dir doch immer dein Schwein, dein Schwein,

Es bleibt dir doch immer dein Schwein! (898)