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18. Februar 2011

Die Enden der Parabel – Jenseits der Null

Bin durch mit dem ersten Kapitel. So um 280 Seiten. Mancher Roman hat weniger. Wie will Pynchon diese Fülle übers Buch durchhalten? Und was war nun die Essenz? Könnt Ihr mir das sagen? Abgesehen davon, dass ein sehr dichtes Bild des Weltkrieges, des Krieges an sich vielleicht, entsteht, nicht nur ein Bild – eine Stimmung in tausend Bildern? Wer erzählt das Kapitel nach? (Und es folgen ja noch viele weitere).

Die Kirche mit den makkaronischen Weihnachtsliedern (eia, wärn wir da!), das Röhrenschweissen am nachtdunklen Strand, die gefährliche Raketenstellung Nr.3 in den Niederlanden, die Wine-Jellies der etwas an Quotidiansfieber, etwas an Skorbut erkrankten Mrs.Quoad, Roger und Jessica nicht nur vor Kälte erzitternd in ihrem illegalen Haus, Slothorp im Verfolgungswahn, der sich aus der irren Welt in sein Irrenhaus zurücksehnt, die “Weisse Visitation” nahe den Klippen, “ein zweckentfremdetes Irrenhaus, darin ein paar Alibi-Irre, ein Riesenrudel zusammengestohlener Hunde, und diverse Cliquen von Spiritisten, Vaudeville-Komödianten, Funkexperten, Couéisten, Uspenskianern, Skinneriten, Lobotomie-Enthusiasten und Dale-Carnegie-Zeloten…” (S.127), Krake Grigori nebst Panda und Pekaris, die Exilregierungen, die Ardennenoffensive als letzte Zuckung des Nazireiches, die Military Police, die Flakhelferinnen, Séancen mit Poltergeistern, Häuserreihen, von der Rakete wie faule Zähne weggerissen, die sieben Besitzer des Buches (fünf davon tot), Pirat Prentice und seine Bananen, Stadtpläne, Pointsman der Pawlowianer und die winselnden Hunde, aufgehobene Verdunkelung (die Invasion in der Normandie hat ja stattgefunden), Hänsel und Gretel und der Ofen als sexuell-masochistische Travestie, die sterbenden Dronten auf Mauritius, der Friedhof in Massachusets, Novi Pazar und die Balkanomanie, der Engel über Lübeck, Charlie Parker, die unterirdischen Kanäle, der Negerjunge, der Mulattenknabe und der Zuave, die geheimen und allergeheimsten Missionen. Ein Moment des Umkippens. Über allem die V2.

Der Krieg – schrecklich aber so gut wie vorbei, das angloamerikanische Imperium – auf der Höhe seiner Macht dem Zerfall anheimgegeben – parabolisch sozusagen. Der alte Brigadier Pudding und die Wissenschaftler der “Weissen Visitation” an der parapsychologischen Front tätig und doch schon bar jeglicher Finanzierung….

Nun habe ich aber doch einen Schwerpunkt gefunden: Dar Name des Kapitels hat geholfen: Jenseits der Null. Pointsman und Roger Mexico, erklärte Antagonisten (diesen interessieren Eins und Null, jenen das Dazwischen), gehen einen eisigen Strand unterhalb der Klippen entlang und finden “die Umkehrung von Ursache und Wirkung” heraus, erfahrbar an dem hier wiederholt geschilderten Phänomen: dass die Raketen einschlagen, BEVOR man sie hört oder kommen sieht, Schall und Rauch erst danach wahrnehmbar sind. Nun ist ja der Explosionslärm nicht die Ursache des angerichteten Elends. Immerhin ist’s ein Bild. Ein Graus für Pawlowianer, die ganz der Logik des Aristoteles verpflichtet sind, dass nämlich A die Ursache von Wirkung B ist, sprich, dass jeder Reiz eine Reaktion hervorruftt. Aber Slothorps Reaktion kommt vor dem “Reiz”? Können wir uns andere ursachenlose “Wirkungen” vorstellen? Na klar. Freie Handlungen. Sie sind durch nichts bewirkt. Sie kommen von jenseits der Null. Aber wir hören Roger und Pointsman nicht zu Ende diskutieren. “So stapfen sie weiter,…kleiner werdend, rehfarben, grau, mit einem Schuss von Purpur, scharf konturiert, ihre Fussabdrücke eine lange, überfrierende Reihe von erloschenen Sternen (puh, der Mann ist oft total poetisch!), und der bewölkte Himmel spiegelt sich fast weiss auf dem glasierten Strand…

Wir haben sie verloren. Kein Mensch belauschte jene frühen Diskussionen, kein beiläufiger Schnappschuss überlebt. Sie gingen, bis der Winter sie verschluckte und es so schien, als würde noch der grausame Kanal selbst gefrieren und keiner, kein einziger von uns, sie je ganz wiederfinden. Ihre Spuren füllten sich mit Eis und wurden, wenig später, in das Meer gespült.” (S.150) Auf Nikos Kazantzakis’ Grab auf Kreta steht: “Ich habe nichts, ich hoffe nichts, ich fürchte nichts (hab keine “Ursachen”, die mein Handeln bestimmen). Ich bin frei.” Bemerkenswert, dass das auf einem Grab steht. Der Tod als Freiheitsmoment? Jedenfalls ist er ein Hauptmotiv von Pynchons Text. Für die, die Lust haben, alles nochmal zu lesen, ein Forschungsauftrag: Wie oft und als was kommt in dem Kapitel der Tod vor? (“’Und welches ist das allerhäufigste Wort?’ fragt Jessica, ‘Ihre Nummer Eins?’ ‘Das gleiche wie immer bei solchen Veranstaltungen’, erwidert der Statistiker, als ob jeder es wüsste: ‘Tod’”(S.55))

“…Freilich, wehe, wie fremd sind die Gassen der Leid-Stadt,

wo in der falschen, aus Übertönung gemachten Stille,

stark, aus der Gussform des Leeren gemachte Ausguss prahlt:

der vergoldete Lärm, das platzende Denkmal.

Oh, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt…”

(Rainer Maria Rilke, aus der 10.Duineser Elegie)

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