Posts tagged ‘Roger&Jessica’

15. Februar 2017

Entropie

Roger Mexico fȁhrt in Norddeutschland über die Autobahn. Gleichmütig rattern die Dehnungsfugen des Betons unter seinem Horch. Der “Horch” hiess spȁter “DKW”, ich kannte den DKW noch, heut gibt es ihn auch nicht mehr. Man hȁtte vielleicht ein Auto anschaffen sollen, das es heute nicht mehr gibt, keinen Vokswagen, Fiat oder Peugeot….

Roger und seine Freundin aus Kriegstagen, Jessica, waren mir an dem ganzen Buch die liebsten, wohl wegen Roger und Jessica Rabbit, oder weil sie ein Liebespaar sind?

Wȁhrend der Fahrt imaginiert Roger Mexico seine Feindschaft mit Pointsman, Witehall, Mossmoonn, Geza Rozsavölgyi und seine Sekretȁrin, eine Menge alter Bekannter und schliesslich, wȁhrend er in Cuxhaven einfȁhrt, Jessicas niedliche Ponyfrisur.

Die Geschichte von Byron, der Birne. Sie ist unsterblich und wird deshalb verfolgt, rettet sich aber durch mancherlei Gefahren. Mir fiel dabei Andersens Mȁrchen vom Zinnsoldaten ein…

Katje Borgesius, die verschwindende goldene Hure, und Hauptmann Enzian, der dunkle Herero begegnen sich wieder. Beide sind sie dereinst von Blicero auf seine Art geliebt worden. Davon sprechen sie zögernd, und auch von Slothrop, auf den sie warten. Katje: “Slothrop und ich…Es ist mir alles so fern gerückt. Ich weiss nicht einmal wirklich, wozu se mich hierhergeschickt haben. Ich weiss nicht mehr, wer Slothrop übrhaupt war. Das Licht nimmt ab. Ich kann nichts mehr sehen. Alles zieht sich zurück von mir…”

Enzian: “Du, arme Katje. Deine Geschichte ist die traurigste von allen.”

Wie Slothrop wird auch Thanatz im Sturm von Bord der Anubis gespült. Ein polnischer Leichenbestatter in einem Ruderboot rettet Thanatz. Dieser Pole ist drauf aus, vom Blitz getroffen zu werden, trȁgt einen metallenen Anzug samt Helm mit diversen Antennen. Wieder spielt Elektrizitȁt eine wichtige verborgene Rolle. Die Odyssee des Thanatz beginnt, er erwȁhnt Bicero (“Er weiss, dass Blicero existiert”), die Lüneburger Heide, Bianca und Gottfried, genauso könnte aber auch vom Schwarzkommando, von der Erdschweinhöhle, von Katje oder von Greta Erdmann berichtet werden.

“Manche glauben, dass sich Fragmente von Slothrop zu selbstȁndigen Personen ausgewachsen haben, die ein eigenes, unabhȁngiges Leben führen” (1164)

Glauben wir das auch? Wie auch immer, gegen Ende des Buches taucht das gesamte Pandȁmonium Pychnons noch einmal auf, einer gewaltigen, hauptsȁchlich in Norddeutschland sich ereignenden Exposition oder Ausbreitung gleich, alle deutschen Orte kommen noch einmal vor, Cuxhaven, die Lüneburger Heide, Peenemünde, Hamburg, Berlin, Greifswald, Nordhausen…. die meisten Figuren tauchen wie aus dem Nichts noch einmal auf, bevor ganz am Ende die 0000-Rakete mit dem sterbenden Jungen Gottfried an Bord, von Blicero zum letzten und symbolischsten Male gestartet wird…

Mir eindrucksvoll: die nȁchtliche Begegnung von Tschitscherin und Enzian nahe einer Brücke, ohne dass die Brüder sich erkennen.

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16. Februar 2011

Die Enden der Parabel (S. 50-63) Wie der Pirat zu seinem Namen kam

“’Du bist ein Pirat’, hatte sie ihm am letzten Tag zugeflüstert – keiner von beiden wusste, dass es der letzte war -, ‘Du bist gekommen und hast mich verschleppt auf Dein Piratenschiff…Du hast mich entführt, und jetzt bin ich die Rote Hure der Weltmeere…”. So wispert Prentices Geliebte von 1936, eine verheiratete Frau, die mich (sorry, Koslowski) an Kristin Scott-Thomas erinnert. “Na schön, dachte Pirat, schätze, ich gehe wieder zurück zur Armee…”

Thomas Kutzli hat dankenswerter Weise damit angefangen, ein Personenregister zu führen, das hat viele Vorteile, wirklich, unter anderem, dass man alles nochmal von vorne liest und so Neues entdeckt. Natürlich ist Bloat in Pirats Crew! Er fällt ja schon ganz zu Anfang vor Prentices Augen aus dem Bett, rutscht wenig später auf einer Bananenschale aus –

Schöne Jeheherachina

Wollte Wahahasser holn

Daha rutschte sie

Auf einer Bananenschahale aus!

Duhum duhum dumm, was da geschah,

Schöne Jerachina in den Brunnen fiel!

Und endlich – hätte ich fast geseufzt – treten Jessica und Roger auf! Und zwar auf einer Séance, wie sie in England üblich waren und sind (Ach Koslowski! Immer wenn ich Skeptiker den entsprechenden Raum betrat, hörte der Geist sofort auf, sich zu offenbaren!!) Anwesend sind auch Bloat und Prentice, die zusammen mit Roger eine Art konspirativen Dreiecks bilden und für ein Geheimprojekt “Schwarzer Flügel”, welches der hier  (Okel Wanja?) erstmals erwähnten “Weissen Visitation” zuarbeitet, tätig sind. Werden wir hier auf eine Spur gesetzt? Soll irgendetwas mit parapsychologischen Mitteln erreicht werden? Oder sind wir nur inmitten der im London von 1944 allgemein verbreiteten Paranoia?

Aber zuerst Jessica. Sie trägt Dartpfeile in der Hand, wirft auch einen “genau ins Schwarze”, erinnert in ihrer sauberen und reinen Brüstigkeit stark an die jungfräuliche Artemis ( “sie ist keineswegs sicher, dass er von ihr gesucht werden möchte”. “die Klarheit, die sie ausstrahlt”, “dieses Fehlen von Rauch und Lärm”, “schaut ihn aus riesigen Augen an”)

Apropos: Hab nun auch den GANZ mir entsprechenden Charakter entdeckt!: Er sieht überall Zusammenhänge und legt sie statistisch nieder, die Quintessenz ergibt hier Parabeln und das häufigste Motiv ist der Tod. Sein Wesen und auch sein Name gleichen der Flamme, die das Kapitel einleitet, die jede Luft- und Gefühlsregung widerspiegelt: Milton Gloaming.

For heaven’s sake! Bin nur wenige Seiten mit der Lektüre fortgeschritten. Muss länger lesen, sonst werde ich hier zwischen 60 und 150 Blogs über Pynchon schreiben……

14. Februar 2011

Realität und Schein

Während mein Buch (hoffentlich auf einer flachen Parabel) zu mir unterwegs ist, habe ich sowohl im englischen Text, als auch in Euren Blogs verschiedentlich die Namen “Roger” und “Jessica” aufgeschnappt. Mir fiel natürlich der Film “Who framed Roger Rabbit” (Falsches Spiel mit Roger Rabbit) ein. Roger Rabbits grosse Liebe ist doch Jessica?  Ich schaue im Net nach. Es wird nirgends erwähnt, dass Zemeckis als Regissseur oder Spielberg als Producer Pynchon kannten. Ein Zufall? Nun ja. Die V2 hat ja auch nicht immer genau getroffen…

Jessica and Roger Rabbit

Habt ihr den Film gesehen? Roger und Jessica sind beide gezeichnete Comic-Figuren, Toons, die jedoch in unserer dreidimensionalen Welt heimisch sind, genauso wie Scharen anderer uns bekannter, wie Bugs Bunny, Baby Herman, Mickey etc… Unsere Welt und die Welt der Toons sind durch einen – in meiner Erinnerung dunkelgrünen – Tunnel miteinander verbunden. In der Toon-Welt herrscht Hauen und Stechen, Kühlschrank- und Tresorgeschmeisse. Jeder Briefkasten, jeder Laternenmast und jeder Hydrant erwacht zu selbständigem Leben. Die Zeichner erfreuen sich offensichtlich an dem Chaos, das da entsteht. In unserer Welt aus Fleisch und Blut sind die Methoden subtiler. Unser konventioneller Detektiv Valiant (verkörpert von Bob Hoskins) bewegt sich durch beide Welten. Doch halt! “Unsere Welt” ist ja auch nur be(ge)schrieben! Und sie scheint fast ebenso, oder noch chaotischer als die der Toons? Gewiss könnte man etwas im Roman Effi Briest nicht einfach zu Charlotte Roche verwandeln, aber hier bei Pynchon?

Roger ist ein verrücktes Karnickel. Es ist bekannt, dass er, wenn betrunken, ein lautes Pfeifen ausstösst, welches jedes Glas in der Umgebung zersplittern lässt (nein nein, wir sind nicht in Grass’ Blechtrommel). Jessica aber ist eine verführerische Schöne. Sie ist das berühmteste Sex-Symbol aller Comicfiguren. Wenn sie einen anschaut, nonchalant mit der einen Hand das lange Haar hinters Ohr legt, den Busen beben lässt, hört man sie förmlich sagen: „I’m not bad, I’m just drawn that way“. Ihre Idole sind Lauren Bacall, Rita Hayworth und Veronica Lake. Sie trägt keinen Slip, sagt man seit der Erfindung des Laserdisks…. Roger ist stets eifersüchtig, gerät deswegen sogar unter Mordverdacht…..

Jessica and Roger in Gravity’s Reainbow:

Sie sind beide Kinder der Schlacht um England, also des Krieges.

Sie werden “in sinnlichen Zusammenhängen beschrieben”, d.h. sie vögeln, auch leckt Roger Jessica eines Abends in den Schlaf. Nach Angaben des Autors trägt Jessica nie einen BH. Die Bedingungen des Krieges (“Hauen und Stechen”) sind konstituierend für ihre Gemeinschaft. Roger scheint sie jedoch im Laufe des Romans an einen “Jeremy” zu verlieren…..

Roger wird als ein Bursche mit einer Tendenz zum Schreien, im übrigen aber als ein “amusing maniac” geschildert.

Nun könnte ich im Laufe unseres Leseabenteuers bestimmt weitere Ähnlichkeiten zwischen den Figuren in dem Buch (1973) und dem Film (1988) herstellen. Aber vielleicht ist das ja alles meine freie Erfindung?

“(Denn) Pynchons Text ist mit Sätzen beladen, die Möglichkeiten zum Aufbau ganzer Welten aus Assoziationen führen können, die natürlich nicht immer richtig sein müssen.” (rr). Soll ich über die Ursprünge des auch erwähnten Erlenmeyers oder die Schlacht bei Balaclava (The Charge of the Light Brigade) schreiben?

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14. Februar 2011

Merde

Die Enden der Parabel: Scheisse! (S. 66-118)

Slothorp, das arme Schwein, wird von Pointsman unter Droge gesetzt (das erwähnte Natrium-Amytal dürfte ein ziemlich kräftiges Barbiturat sein) und reist unter deren Einfluss durch die Kloschüssel  (in der Pointsman nur mit dem Fuss stecken bleibt) ins Reich der Scheisse. Ist das net unappetitlich zu lesen – sogar für einige von uns? Ja, doch, aber zum einen ist Krieg, und Krieg ist a priori unappetitlich. Und der Pawlowianer Pointsman ist nicht nur koprophil, sondern auch ein Kinderschänder, und er braucht immer neue Hunde für seine Tierversuche. Am liebsten hätte er – nein, net Kraken, die sind zu visuell ausgerichtet – Menschen (Füchse) Einen hat er nun mit Slothorp. Er ist also beileibe nicht der strahlende und vorbildliche Zeitgenosse.

Zum anderen ist Scheisse nebst vielem anderen nur im bürgerlichen Zeitalter tabuisiert worden – heutzutage mindestens durch beständiges Aussprechen längst entzaubert:

Du, ich hab Scheisse gebaut!

Eine schöne Scheisse ist das…

War ein Scheisspiel!

Scheisse! Hab den Text von meim Gebet vergessen!!

Himmel, Arsch und Zwirn!

Verdammter Mist! etc. pp.

(Merke: Nur, wenn ich wem oder was ins Auge sehe, beherrscht es micht nicht. Damn, where is my fucking pencil?)

Aberr Magda hat ganz recht: wir können uns nur schwer vorstellen, dass Hedwig Courths-Mahler aufs Scheisshaus geht, oder höchstens, nachdem sie Uschi Glas in der Werbung für Abführmittel gesehen hätte.

In früheren Zeite und etwa aufm Dorf (was dasselbe ist) war das ganz anders. Der Heilige Augustinus (!) sagt im Hinblick auf unsere Anatomie: Der Mensch wird zwischen Scheisse und Pisse geboren….

Man lese Dante:

“…Vom Kinn zerspalten bis zum Furz! Inzwischen Beinen schien der Därme Rot, und das Gekrös’ quoll mit dem schmuz’gen Sacke, der alles, was er einschluckt, macht zu Kot…”

In der Göttlichen Komödie Höllenkreisen baden manche ganz in Scheisse, genau wie die ertappten Liebhaber in Bocaccios Decamerone. Auch Rabelais Buch enthält davon, genau wie Till Eulenspiegels Scherze….

Noch in unseren Tagen wird im Stall auf der Alp genauso unbeschwert geschissen wie am Strassenrand der Andenpässe. Ja, wie ihr wisst, bringt es Glück, in Hundescheisse zu treten!

Im ausgehenden 19. und angehenden 20. Jahrhundert fanden manche Schriftsteller wie etwa Joyce mit seinem Ulysses nur schwer Verlage, und das nicht wegen sexuell expliziter Absätze, sondern wegen der Scheissszenen. (Leo Bloom gleich ziemlich am Anfang des Buches)

Ich hab den Text von Pynchon an dieser, wie auch an anderen bisherigen Stellen als Imagination gelesen, zumal ja auch Musik von Charlie Parker drin ist…. *gg*

Dann sind ja immer noch Jessica und Roger da, beide so jung, dass sie sich kaum an Nicht-Krieg erinnern, in ihrem illegalen Haus, wo sie sich ihr Nest gebaut haben…

Irgendwoher hören auch wir eine Stimme aus Yorkshire:

Ein Fabrikmädel ist sie

Kann nur einfach sich kleiden

Und doch mag von Herzen

Gern ich sie leiden:

Mein Mädchen aus Yorkshire, ja ja  (Joyce, Ulysses)

Ja, Kalle, sie leben im Krieg. Aber sie scheissen drauf!

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