Posts tagged ‘Scheisse’

24. Februar 2011

Schwarzkommando ( – S.515)

Wir erfahren genaueres über diese Wahnsinnsgruppe, die in der “Erdschweinhöhle” noch nach dem Ende des Krieges ihre Zentrale hat – und allenthalben in Norddeutschland Untergruppen. Die Verbindung Nord-Süd wird überdeutlich: erwarten wir Hereros in Deutschland? Und ihr Oberst trägt auch noch den sehr nordischen Namen “Enzian” (Er war uns schon in Holland begegnet, als Zögling und Geliebter des SS-Hauptmanns Weissmann, alias Blicero). Da sitzen sie nun unter Tage im Harz und funken. “Einen Sender in Betrieb zu setzen ist eine Einladung an die akute Paranoia: Schlagartig entsteht ein Muster aus Antennen, Tausende von Quadratkilometern voller Feinde, alle gesichtslos (Katie, der wir auch in Holland erstmals begegenen, wird von Pynchon ebenfalls als “mit erstorbenem Gesicht” geschildert. Anm. Hibou), ganz Ohr an ihren Empfängern sitzend in ihren nächtlichen Lagern…”. Um nicht, oder nur schwerer – denn sie benutzen für Technik deutsche Ausdrücke – abgehört zu werden, senden sie in Hererosprache, einer Zunge, die z.B. über zahhlreiche Wörter für “Scheisse” (sic) verfügt…

Scheisse, warum schreibe ich eigentlich hier noch? Komme mir total einsam vor, ausserdem sieht es aus, als ob ich das Thema Pynchon alleine belege. Naja, ich lese das Buch gerne, ich schreibe gerne, ich lerne viel Neues: zum Beispiel über die Herero. Ruhrrot bezeichnet die deutsche Expedition gegen die Herero in Deutsch-Südwest zu Recht als Völkermord. Heide Wiekzoreck-Zeul hat das auch getan, selbst wenn Joschka Fischer dies noch vor wenigen Jahren (und bestimmt wird dieser Grundsatz in Berlin noch heute beherzigt, vielleicht ja auch in Ankara?) als unglückliche, weil “entschädigungsrelevante Äusserung” bezeichnet hat.

Das Hererovolk (“so habe ich gelernt”, hehe) ist nomadisch, ja “Herero” bezeichnet ursprünglich den “der Vieh besitzt”). Reflexion: bin ich also nur Nomade, weil ich Vieh besitze, und dieses wegen Futtersuche wandern muss? Scheinbar nicht: denn wir wandern auch ohne Vieh. Spannenderweise entstand Feindschaft zwischen den Autochtonen und den kolonialisierenden Deutschen auch durch den Eisenbahnbau der Deutschen im Lande. Den Herero wurde, wie üblich, ihr Land abgetrickst. Wie dialektisch: um Schienen verlegen zu können, muss man das Land besitzen. Die Eisenbahn wirkt aber a priori nomadisch.

Nebenbei wird einem klar, dass das Dritte Reich nicht nur für Grossberlin, sondern auch fürs Nachkriegs-Afrika Pläne hatte…….

 

 

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14. Februar 2011

Merde

Die Enden der Parabel: Scheisse! (S. 66-118)

Slothorp, das arme Schwein, wird von Pointsman unter Droge gesetzt (das erwähnte Natrium-Amytal dürfte ein ziemlich kräftiges Barbiturat sein) und reist unter deren Einfluss durch die Kloschüssel  (in der Pointsman nur mit dem Fuss stecken bleibt) ins Reich der Scheisse. Ist das net unappetitlich zu lesen – sogar für einige von uns? Ja, doch, aber zum einen ist Krieg, und Krieg ist a priori unappetitlich. Und der Pawlowianer Pointsman ist nicht nur koprophil, sondern auch ein Kinderschänder, und er braucht immer neue Hunde für seine Tierversuche. Am liebsten hätte er – nein, net Kraken, die sind zu visuell ausgerichtet – Menschen (Füchse) Einen hat er nun mit Slothorp. Er ist also beileibe nicht der strahlende und vorbildliche Zeitgenosse.

Zum anderen ist Scheisse nebst vielem anderen nur im bürgerlichen Zeitalter tabuisiert worden – heutzutage mindestens durch beständiges Aussprechen längst entzaubert:

Du, ich hab Scheisse gebaut!

Eine schöne Scheisse ist das…

War ein Scheisspiel!

Scheisse! Hab den Text von meim Gebet vergessen!!

Himmel, Arsch und Zwirn!

Verdammter Mist! etc. pp.

(Merke: Nur, wenn ich wem oder was ins Auge sehe, beherrscht es micht nicht. Damn, where is my fucking pencil?)

Aberr Magda hat ganz recht: wir können uns nur schwer vorstellen, dass Hedwig Courths-Mahler aufs Scheisshaus geht, oder höchstens, nachdem sie Uschi Glas in der Werbung für Abführmittel gesehen hätte.

In früheren Zeite und etwa aufm Dorf (was dasselbe ist) war das ganz anders. Der Heilige Augustinus (!) sagt im Hinblick auf unsere Anatomie: Der Mensch wird zwischen Scheisse und Pisse geboren….

Man lese Dante:

“…Vom Kinn zerspalten bis zum Furz! Inzwischen Beinen schien der Därme Rot, und das Gekrös’ quoll mit dem schmuz’gen Sacke, der alles, was er einschluckt, macht zu Kot…”

In der Göttlichen Komödie Höllenkreisen baden manche ganz in Scheisse, genau wie die ertappten Liebhaber in Bocaccios Decamerone. Auch Rabelais Buch enthält davon, genau wie Till Eulenspiegels Scherze….

Noch in unseren Tagen wird im Stall auf der Alp genauso unbeschwert geschissen wie am Strassenrand der Andenpässe. Ja, wie ihr wisst, bringt es Glück, in Hundescheisse zu treten!

Im ausgehenden 19. und angehenden 20. Jahrhundert fanden manche Schriftsteller wie etwa Joyce mit seinem Ulysses nur schwer Verlage, und das nicht wegen sexuell expliziter Absätze, sondern wegen der Scheissszenen. (Leo Bloom gleich ziemlich am Anfang des Buches)

Ich hab den Text von Pynchon an dieser, wie auch an anderen bisherigen Stellen als Imagination gelesen, zumal ja auch Musik von Charlie Parker drin ist…. *gg*

Dann sind ja immer noch Jessica und Roger da, beide so jung, dass sie sich kaum an Nicht-Krieg erinnern, in ihrem illegalen Haus, wo sie sich ihr Nest gebaut haben…

Irgendwoher hören auch wir eine Stimme aus Yorkshire:

Ein Fabrikmädel ist sie

Kann nur einfach sich kleiden

Und doch mag von Herzen

Gern ich sie leiden:

Mein Mädchen aus Yorkshire, ja ja  (Joyce, Ulysses)

Ja, Kalle, sie leben im Krieg. Aber sie scheissen drauf!

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