Posts tagged ‘Tschitscherin’

23. Februar 2017

Oberst Enzian

Er ist ein Geschöpf Weissmanns/Bliceros, aber im Gegensatz zu ihm ist er ein dunkelhȁutiger Herero. “Du schwarz! Ich weiss.” Auch er ist, wie Tschitscherin, Slothrop und vielleicht auch Katje Borgesius, eine der Hauptfiguren des Romans. Mit seinem “Schwarzkommando”, das im Verborgenen aus der Erdschweinhöhle heraus arbeitet, ist er selbst nach dem Ende des Kriegens in der Zone unterwegs, um die Rakete zu finden.

Enzian, dessen Name vom Rilke-Fan Blicero stammt, ist ein Halbbruder Tschitscherins. Der Vater zeugte letzteren in Russland, schiffte sich dann mit einer Flotte, die die Japaner besiegen sollte, in St. Petersburg ein und fuhr den ganzen weiten Weg rund ums Kap der Guten Hoffnung (!), zeugte dann Enzian in Südafrika, schiffte weiter gen Japan, bloss um in der Seeschlacht von Tshushima mitsamt seinem Schiff unterzugehen.

Enzian und Tschitscherin begegnen sich endlich auf einer Brücke. Tschitscherin schnorrt vom Oberst auf seinem Motorrad ein paar Zigaretten und drei rohe Kartoffeln. Sie erkennen sich nicht. “Und keineswegs das erste Mal, dass ein Mann an seinem Bruder vorbeigegangen ist am Rand des Abends, oftmals für immer, ohne es zu wissen.”

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31. Januar 2017

Spaziergang nach Cuxhaven

Major Slothrop geht zu Fuss durch’s Nachkriegsdeutschland von Peenemünde nach Cuxhaven, begnet dabei dem dicken Knaben Ludwig und seinem Lemming Ursula, erzȁhlt vom Vorfahren William und seinen 500 Schweinen, übernachtet im Heu, auf Matratzen oder Lehnstühlen, trȁumt von verschieden verstorben Freunden im alten England, etwa von Tantivy Mucker-Maffit oder Duane Marvy, der auf dem Weg nach den Mittelwerken Dora vom Zugdach gestossen wurde….

Er trȁgt noch immer Oberst Tschitscherins Uniform, hat aber alle Insignien abgerissen. Trotzdem halten ihn viele für einen Russen.

Tschitscherin selbst taucht auch auf, ob “in echt” oder getrȁumt? Er trinkt vom Schnaps seines Fahrers Dschabajew und zweifelt an sich und der Welt….

Mir fiel ein – besonders, da gerade hier auch von Himmel und Hölle die Rede ist – dass ich einmal eine Heike Düwel kannte. Sie stammte aus Himmelpforten, das irgendwo bei Cuxhaven liegt.

In Wismar trifft Slothrop eben pünktlich ein, um den “Plechazunga” zu spielen. Dieser “Schweineheld” hat einmal Wismar vor der Invasion der Wikinger gerettet. Seither wird dies jedes Jahr gefeiert. Slothrop wird in ein Schweinekostüm –aussen Tüll, innen Stroh – gekleidet, vertreibt die Bösen –die von Kindern gespielt werden – muss sich aber anschliessend vor Bullen und Russen verstecken. Das tut er im Bett eines mecklenburger Mȁgdeleins, welches ihn anschliessend sicher aus der Stadt lotst. Immer noch im Schweinekostüm erhȁlt er bald die Gesellschaft einer Saumit Namen Frieda, begegnet mit ihr auch Pökler wieder.

Zwischenspiel mit Lyle Bland. Der tritt den Freimaurern bei, meditiert über Anarchisten, Entdecker, Forscher und die Elemente der Erde, hört sich eine Symphonie von tausenden kaputten Flipper-Automaten an (“Tilt!”) und beginnt dann von seinem Sofa aus kleine Geistreisen, die ihn jedesmal weiter weg führen, bis er endlich nicht mehr zurückkehrt.

Der Leidensmann Major Duane Marvy taucht wieder auf, nachdem er schon im Anfang des Kapitels “In der Zone” von Enzian vom Dach des Zugs gestossen wurde. Diesmal wird er an Slotrops Stelle kastriert, und dass nur, weil er aus versehen seinen Schweineanzug trȁgt. Slothrop ist nȁmlich inzwischen in Cuxhaven angekommen und versteckt/vergnügt sich im Etablissement “Putzi”, wo er in der Garderobe seine Verkleidung mit der Majorsuniform vertauscht. Dies ist also in diesem Abschnitt schon sein dritter Anzug.

Auf den Springer – und auf seine ihm versprochenen Entlassungspapiere – wartet er allerdings vergeblich.

Ich bin auch mal in Cuxhaven gewesen, fand allerdings nur einen Nacktbadestrand. Am Ufer war ein Schild “ab hier FKK”. Zwei Damen gingen, in philosophische Gesprȁche vertieft, der Wasserlinie entlang. Auf der Höhe des Schildes liessen sie gedankenverloren die Hosen runter und zogen das Bikini-Oberteil aus, um es bei ihrer Rückkehr ganz nebenbei wieder anzuziehen und auch die Höschen hochzuziehen….

In der Lüneburger Heide (in dem wunderschönen Land) trifft sich die argentinische Besatzung des U-Bootes zu Filmaufnahmen unter der Regie von Gerhard von Göll wieder. Die Aufbauten sind echt, die Requisiten auch. Graciela Imago Portales ist auch zur Stelle. “Sie hat ein paar Mal mit dem ernsten Ingenieur (Belaustegui, d.A.) geschlafen (obwohl sie früher, noch in B.A., jeden Eid geschworen hȁtte, dass sie ihn nicht einmal mit einem silbernen Strohalm trinken könnte)…”

Wenig weiter östlich hat sich ein ganzes Dorf voller Hunde konstituiert, “jeder von ihnen abgerichtet, jedem menschlichen Wesen…an die Gurgel zu springen…”

Den Schluss des Kapitels nehmen die beiden homosexuellen Offiziere Clive Mossmoon und Sir Marcus Scammony ein, und wir erfahren aus ihren Erzȁhlungen….nichts Neues über die vergebliche Suche nach dem Schwarzgerȁt der Rakette 0000, an der Slothrop, Pointsmann, Tschitscherin, sein Halbbruder Enzian und seine Herreros, Pirat Prentice und der Springer Gerhard von Göll beteiligt waren.

18. November 2014

Pferde

Pferde

horse

“am Strassenrand die armen, faulenden Pferdekadaver…” (S. 130) (Brigadier Puddings flandrische Reminiszenzen, Ypern 1917)

“dort, wo einst Pferde an den tobenden, pechverfolgten Zockern des alten Friedens vorbeidonnerten…” Holländische V2-Batterie des Hauptmanns Blicero (156) in Duindingt.

Gottfried: “Er liebt sie (die Raketen) so, wie er Pferde lieben würde….”

“…ein Holzzaun, hohläugige Rösser auf einem Feld…” (222) (Schilderung eines Traums)

“…Dampfwolken aus den Nüstern des alten Pferdes…” (253) (Leni in Berlin wie sie am (Landwehr?)Kanal aufs Pflaster fielen, wo nur der Schnee ihren Sturz auffing)

“Gastgeber Raoul schweift mit einem riesigen Stetson, einem Tom-Mix-Hemd, einem Par Sechsschüsser und einem Percheron-Pferd am Zügel durch die Räume. Das Pferd äpfelt auf den Buchara-Teppich und einen lang hingeschlagenen Gast…” (387) (Percheron Pferd: Rasse aus dem nordfranzösischen Perche-Tal, gewöhnlich grau oder schwarz)

“Raoul redet ernsthaft auf sein Pferd ein.” (390)

“Raoul versucht, sein Ross zu besteigen und davonzusprengen, verfehlt aber den Sattel und rutscht auf der anderen Seite wieder runter…” (391) (der Sherman-Panzer ist in die Haschisch-Idylle der Party eingebrochen)

“Nicht annähernd das Chaos, das wir hinter uns gelassen haben”, erwidert traurig der Argentinier. In seinem Gesicht sind tiefe Falten erschienen, gegraben vom Leben nach tausenden von Pferden, vom Blick auf zu viele todgeweihte Fohlen…”
(Slothorp sitzt mit dem Argentinier Francisco Squalidozzi im Zürcher Odeon) (414)

Kurz nach dem Krieg im Harz:

“Alte Pferde mit knotigen, schlammverkrusteten Gelenken, kurzbeinig und weitbrüstig, ziehen Wagenladungen von Fässern von den Weinbergen zu den Wirtshäusern. (Bestimmt irrt Pynchon hier und es sollen Bierfässer sein. Gibt es Weinberge in Nordhausen?) Ihre Halsmuskeln spannen sich in den Doppelgeschirren, die sie aneinanderketten, ihre schweren Eisen lassen bei jedem ihrer nassen Tritte eine Dreckblüte aufspritzen.” (454)

“….von Jeeps, Zehntonnern, berittenen Russen immer wieder in den Graben gedrängt…” (462)

“…reitend auf Rössern aus hochglanzpoliertem Meteorstein, die alle das gleiche, stilisierte Gesicht haben (ein harter Kontrast zum Bild des Pferdes, das dir folgt, Betonung auf dem irren Blick, den Zähnen, der Dunkelheit unter seiner Schwanzwurzel…)” (464)

Die zentrale Stelle über Pferde ist natürlich der Ritt von Hauptmann Tschitscherin auf “Snake”, dem Apaloosa-Ross, durch die kirgisische Steppe auf der Suche nach dem “Kirgisischen Licht”

“Einige wenige mögen Zuflucht bei den Russen gefunden haben, denen Pferde noch etwas bedeuten.” (527)
“Es war ein Land des besoffenen Heimwehs nach Städten, der Stille kirgisisscher Ritte und des pausenlosen Bebens der Erde…” (529)
“Kirgisen, jung und alt, kamen aus der Steppe, rochen nach Pferden, saurer Milch und dem Rauch ihrer Kräuter…” (529)

“Hinaus ins Gebein des Hinterlandes reiten Tschitscherin und sein treuer kirgisischer Gefährte Džaqyp Qulan. Tschitscherins Pferd ist eine Version seiner selbst…..” (535ff)