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2. Oktober 2014

Katje Borgesius

Sie ist eine Holländerin, die das ganze Buch über auftaucht.

Wir begegenen ihr zum ersten Mal im Gebäude der Mannschaft von Pirate Prentice, kurz nachdem bei der alten Abtei bei Ick Regis über den Klippen der englischen Südküste, wo ein Schwung irrer Wissenschaftler (es ist ein altes Irrenhaus) dem Kommando des alten, 1940 reaktivierten Brigadiers Pudding als “Weisse Visitation” für die parapsychologische Kriegsführung “forscht” (151),

Pointsman und Roger Mexico zusammen dem winterlichen Ufer entlanggehen und sich kontrovers über Slothorp als Versuchskaninchen und die mögliche Umkehrung von Ursache und Wirkung (wie die V2 zuerst einschlägt und man erst dann ihren Fluglärm hört, könnte also die Wirkung vor die Ursache zu liegen kommen?) unterhalten. Das Gebäude befindet sich in Chelsea; wie wir wissen, kultivieren auf der Dachterrasse Osbie Feel seine Arzneipflanzen und Prentice seine Bananen.

Katje ist hochgewachsen, breitschultrig und blond. Zu Osbie Feels Verwunderung trägt sie keine Kloggen sondern hochhackige Pumps, auch sind Make-Up, Rouge und ausgezupfte Augenbrauen zu erkennen. Osbie Feel – der von manchen als die Verkörperung von Pynchon in seinem eigenen Buch gehalten wird – beschäftigt sich gerade mit Pilzen (einer milderen Abart von Amanita phalloides, dem Knollenblätterpilz).

Zunächst kommen ihr Erinnerungen an den Hauptmann Blicero, der sie und ihren “Bruder” (im Schicksal) einst in Holland – Blicero war dort Kommandant einer V2-Batterie, die östlich von Den Haag und nahe Wassenaar auf einer ehemaligen Pferderennbahn stationiert war – zwischen mancherlei Sexspielen wie Hänsel und Gretel im Käfig gehalten hatte (154).

Der Hauptmann Blicero, homosexuelle “Reflexe” und Rilke, besonders seine Zehnte Elegie, liebend, wundert sich, dass seine Stellung noch nie von den englischen Spitfires getroffen wurde. Vielleicht ist Katje ja doch eine britische Agentin, die ihr eigenes Leben retten will? Aber sie ist doch Parteimitglied, hat mehrere jüdische Familien verraten und gilt in der Kantine in Scheveningen, wo sie arbeitet(e) als äusserst tüchtig? Nein, entscheidet er, es ist um ihres Spiels willen, letztlich muss er von den Kindern in den Ofen gestossen werden, damit die Hexe in seinem Körper verbrennt, und nicht im Bombenhagel umkommt.

(Wie findet ihr die Konstellation? Raketen gegen Bomben. Erinnert euch das an den jüngsten Gaza-Konflikt? Anm. T.K.)

Aber Katje scheidet schliesslich aus dem Spiel aus. Sie geht. Es wird uns durch Gottfried berichtet: “Er sah sie nicht zum ersten Mal davonschleichen, und es gibt ja auch Gerüchte, dass sie zum Widerstand gehört oder in einen Stukaflieger verliebt ist, den sie aus Scheveningen kennt. Aber sie scheint auch Hauptmann Blicero zu lieben?…” (167)

Unter abenteuerlichen Umständen flieht sie nach England und (zu ihrem Führungsoffizier) Prentice. “Aber wo wollen Sie jetzt hin?” “Ich weiss es nicht. Fällt Ihnen nicht ein guter Platz ein?”

Die ‚Weisse Visitation’”, schlug Pirat vor.

‚Weisse Visitation‘ klingt gut”, sagte sie, und machte einen Schritt ins Leere hinein… (173)

Pirat hat was zum Grübeln, daran liegt’s. Ständig muss er daran denken, wie auffällig Katje jetzt jede Erwähnung des Hauses im Wald vermeidet. (174) “Scheiss drauf’” mag sie sagen, und aus welchen Gründen sie aus dem Spiel ausgeschieden ist, werden wir nie erfahren.

Lang und breit wird nun geschildert, wie Frans Van der Groovs auf Mauritius mit einer alten Hakenbüchse (Haakbus) die einheimischen Dronten dezimiert, bis sie schliesslich im Jahre 1681 ausgerottet sind und ganz von der Erde verschwinden. Ob das dem guten Frans klar war? Frans wird als Vorfahre von Katje geschildert (und wenn er nur als Holländer Vorfahre wäre). (176)

In der ‚Weissen Visitation‘ schleppt Webley Silvernail den einzigen Filmprojektor durch die Korridore, um dem Kraken Grigori einen stummen Streifen vorzuführen, der Katje zeigt. “Lautlos folgt ihr die Kamera, während sie langbeinig und planvoll ziellos durch die Räume schlendert, die breiten Schultern, die an eine Halbwüchsige denken lassen, auswärts gereckt, das blonde Haar zu einer modischen Hochfrisur getürmt, die, so gar nicht niederländisch-bieder, von einem alten, blinden Silberdiadem gehalten wird…” (184)

2. Une Perm‘ au Casino Hermann Goering

Am Mittelmeerstrand nahe Antibes rettet Slothorp Katje aus den Fängen eines Kraken (es ist der von Dr.Porkjewitsch betreute Grigori) . (296f)

Slothorp hat auch prompt das Gefühl, dass das ganze Bruhaha mit dem Kraken kein Zufall war.

Katje sagt: “Vielleicht war’s uns sogar vorherbestimmt, dass wir uns trafen…” (301)

Um Mitternacht in Katjes Zimmer 306 trägt sie dann einen pelzverbrämten, reich mit Pailletten bestickten weissen Mantel mit wattierten Schultern und fransigen weissen Straussenfedern an Hals und Ärmeln.

Als sie ficken, schlagen “die gestreckten Oktaeder ihrer Gagatohrringe gegen ihre Wangen…” (313)

Am Morgen werden S. sämtliche Sachen (Kleider) geklaut. In der Verfolgung des Diebes springt S. auf einen Baum, klettert hoch zum Wipfel, welcher abbricht und mitsamt S. mitten in eine krockettspielende Gesellschaft (Anspielung auf Alice im Wunderland) fällt. Katje bleibt zurück.

3. In der Zone

Viel später taucht Katje in dem phantasmagorischen Museum (ab 820) wieder auf, sie fällt Prentice in die Arme – oder er ihr – und sie tanzen.

18. Februar 2011

Die Enden der Parabel – Jenseits der Null

Bin durch mit dem ersten Kapitel. So um 280 Seiten. Mancher Roman hat weniger. Wie will Pynchon diese Fülle übers Buch durchhalten? Und was war nun die Essenz? Könnt Ihr mir das sagen? Abgesehen davon, dass ein sehr dichtes Bild des Weltkrieges, des Krieges an sich vielleicht, entsteht, nicht nur ein Bild – eine Stimmung in tausend Bildern? Wer erzählt das Kapitel nach? (Und es folgen ja noch viele weitere).

Die Kirche mit den makkaronischen Weihnachtsliedern (eia, wärn wir da!), das Röhrenschweissen am nachtdunklen Strand, die gefährliche Raketenstellung Nr.3 in den Niederlanden, die Wine-Jellies der etwas an Quotidiansfieber, etwas an Skorbut erkrankten Mrs.Quoad, Roger und Jessica nicht nur vor Kälte erzitternd in ihrem illegalen Haus, Slothorp im Verfolgungswahn, der sich aus der irren Welt in sein Irrenhaus zurücksehnt, die “Weisse Visitation” nahe den Klippen, “ein zweckentfremdetes Irrenhaus, darin ein paar Alibi-Irre, ein Riesenrudel zusammengestohlener Hunde, und diverse Cliquen von Spiritisten, Vaudeville-Komödianten, Funkexperten, Couéisten, Uspenskianern, Skinneriten, Lobotomie-Enthusiasten und Dale-Carnegie-Zeloten…” (S.127), Krake Grigori nebst Panda und Pekaris, die Exilregierungen, die Ardennenoffensive als letzte Zuckung des Nazireiches, die Military Police, die Flakhelferinnen, Séancen mit Poltergeistern, Häuserreihen, von der Rakete wie faule Zähne weggerissen, die sieben Besitzer des Buches (fünf davon tot), Pirat Prentice und seine Bananen, Stadtpläne, Pointsman der Pawlowianer und die winselnden Hunde, aufgehobene Verdunkelung (die Invasion in der Normandie hat ja stattgefunden), Hänsel und Gretel und der Ofen als sexuell-masochistische Travestie, die sterbenden Dronten auf Mauritius, der Friedhof in Massachusets, Novi Pazar und die Balkanomanie, der Engel über Lübeck, Charlie Parker, die unterirdischen Kanäle, der Negerjunge, der Mulattenknabe und der Zuave, die geheimen und allergeheimsten Missionen. Ein Moment des Umkippens. Über allem die V2.

Der Krieg – schrecklich aber so gut wie vorbei, das angloamerikanische Imperium – auf der Höhe seiner Macht dem Zerfall anheimgegeben – parabolisch sozusagen. Der alte Brigadier Pudding und die Wissenschaftler der “Weissen Visitation” an der parapsychologischen Front tätig und doch schon bar jeglicher Finanzierung….

Nun habe ich aber doch einen Schwerpunkt gefunden: Dar Name des Kapitels hat geholfen: Jenseits der Null. Pointsman und Roger Mexico, erklärte Antagonisten (diesen interessieren Eins und Null, jenen das Dazwischen), gehen einen eisigen Strand unterhalb der Klippen entlang und finden “die Umkehrung von Ursache und Wirkung” heraus, erfahrbar an dem hier wiederholt geschilderten Phänomen: dass die Raketen einschlagen, BEVOR man sie hört oder kommen sieht, Schall und Rauch erst danach wahrnehmbar sind. Nun ist ja der Explosionslärm nicht die Ursache des angerichteten Elends. Immerhin ist’s ein Bild. Ein Graus für Pawlowianer, die ganz der Logik des Aristoteles verpflichtet sind, dass nämlich A die Ursache von Wirkung B ist, sprich, dass jeder Reiz eine Reaktion hervorruftt. Aber Slothorps Reaktion kommt vor dem “Reiz”? Können wir uns andere ursachenlose “Wirkungen” vorstellen? Na klar. Freie Handlungen. Sie sind durch nichts bewirkt. Sie kommen von jenseits der Null. Aber wir hören Roger und Pointsman nicht zu Ende diskutieren. “So stapfen sie weiter,…kleiner werdend, rehfarben, grau, mit einem Schuss von Purpur, scharf konturiert, ihre Fussabdrücke eine lange, überfrierende Reihe von erloschenen Sternen (puh, der Mann ist oft total poetisch!), und der bewölkte Himmel spiegelt sich fast weiss auf dem glasierten Strand…

Wir haben sie verloren. Kein Mensch belauschte jene frühen Diskussionen, kein beiläufiger Schnappschuss überlebt. Sie gingen, bis der Winter sie verschluckte und es so schien, als würde noch der grausame Kanal selbst gefrieren und keiner, kein einziger von uns, sie je ganz wiederfinden. Ihre Spuren füllten sich mit Eis und wurden, wenig später, in das Meer gespült.” (S.150) Auf Nikos Kazantzakis’ Grab auf Kreta steht: “Ich habe nichts, ich hoffe nichts, ich fürchte nichts (hab keine “Ursachen”, die mein Handeln bestimmen). Ich bin frei.” Bemerkenswert, dass das auf einem Grab steht. Der Tod als Freiheitsmoment? Jedenfalls ist er ein Hauptmotiv von Pynchons Text. Für die, die Lust haben, alles nochmal zu lesen, ein Forschungsauftrag: Wie oft und als was kommt in dem Kapitel der Tod vor? (“’Und welches ist das allerhäufigste Wort?’ fragt Jessica, ‘Ihre Nummer Eins?’ ‘Das gleiche wie immer bei solchen Veranstaltungen’, erwidert der Statistiker, als ob jeder es wüsste: ‘Tod’”(S.55))

“…Freilich, wehe, wie fremd sind die Gassen der Leid-Stadt,

wo in der falschen, aus Übertönung gemachten Stille,

stark, aus der Gussform des Leeren gemachte Ausguss prahlt:

der vergoldete Lärm, das platzende Denkmal.

Oh, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt…”

(Rainer Maria Rilke, aus der 10.Duineser Elegie)

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